Modulorbeat

im Interview

Jan Kampshoff
Jan Kampshoff
Marc Günnewig
Marc Günnewig
Modulorbeat

modulorbeat arbeitet im Spannungsfeld von Architektur, Stadt und Landschaft. Das Profil des Büros spiegelt sein interdisziplinäres Verständnis der Projektarbeit wider und zeigt gleichzeitig seine komplexe Betrachtungsweise von Stadt auf. Neben Architekten und Urbanisten im Kernteam bilden Designer, Journalisten, Fotografen und Künstler ein aktives Netzwerk.

06.08.2014
Christian Zilisch

Wir beginnen unsere Interviewreihe mit Modulorbeat, einer Gruppe von Planern, denen es immer wieder gelingt mit temporären Projekten die Wahrnehmung eines Ortes auf Zeit zu verändern. Wir haben uns mit Marc Günnewig, einem der Mitbegründer von Modulorbeat, zu einem Gespräch getroffen. Wir sprachen mit ihm über Ihre Erfahrungen bei der Bürogründung und ihre Herangehensweise und Philosophie als Architekten.

Wie kam es zu der Gründung von Modulorbeat und welches war Euer erstes realisiertes Projekt?

Marc Günnewig: Eigentlich eine interessante Frage ab wann man ein Büro ist. Wir haben bei der Annual, der Jahresausstellung der msa  (muenster school of architecture), das erste Mal außerhalb von Studienprojekten zusammengearbeitet. Im Rahmen dieser Jahresausstellung konnten wir Kontakte zu dem Kulturamt der Stadt Münster aufbauen, welche später einige Künstler angesprochen haben, um für die Regionale 2004 eine Rauminstallation für das Rahmenprogramm Sternstunden im Hafen zu entwickeln. Jedoch haben die meisten Künstler aufgrund des geringen Budgets abgelehnt. In dem Moment waren wir vielleicht ein wenig unbedarft und haben gedacht, dass es sich durchaus um eine Menge Geld handele. Es war das erste Mal, dass uns ein größeres Budget an die Hand gegeben wurde. Aber unter Betrachtung der Größe der Halle von circa 2.000 Quadratmetern hätte man sich wahrscheinlich aus heutiger Sicht auch gegen das Projekt entschieden. Aber damals hat man versucht alles selbst zu montieren und zu organisieren. Wenn man sich mit allem absichert und es so macht, wie es eigentlich sein sollte, steigen die Kosten noch einmal wesentlich an. Zu dem Zeitpunkt hat man eher nach bestem Wissen und Gewissen gearbeitet und war an der Stelle auch risikobereiter als heute.

Im Studium denkt man, wenn das erste Projekt kommt, dass sich gleichzeitig ein gewisser „Hurra-Effekt“ einstellt und es dann unmittelbar los und weiter geht, jedoch ist dieser Moment nur recht kurz. Wenn man dann tiefer in das Projekt einsteigt und Probleme und Fragen auftreten, ob beispielsweise die Finanzierung überhaupt Zustande kommt, lässt in solchen Momenten diese erste Freude recht schnell nach. Aber da die Projekte immer in gewisser Weise unmittelbar sind und recht kurze Aufbauzeiten haben, gab es schon diese Freude, wenn es stand und funktioniert hat.

Inwieweit verändert Ihr mit Euren temporären Projekten den Blick, die Wahrnehmung eines Ortes auf Zeit?

Marc Günnewig: Da die Projekte immer nur kurz stehen, im Rahmen weniger Monate, hat man als Basis schon einmal ganz andere Möglichkeiten, in dem was man machen kann. Da man in dem Moment ein wenig unter dem Radar fährt, hat man einen anderen Handlungsspielraum. Zudem verändert man das Bild in der Stadt aufgrund der temporären Natur der Projekte eher pointiert. Danach lässt dieser Effekt auch wieder nach, was im Vergleich zu einer guten dauerhaften Architektur nicht schlimm ist, denn diese muss nicht immer spektakulär sein. Es gibt viele gute Gebäude auch hier in Münster wie das LBS Gebäude von Deilmann am Aasee  welches eigentlich über die Jahre immer besser wurde, je häufiger man dort vorbeigekommen ist, wodurch es auch eine hohe Auszeichnung für dauerhafte Architektur bekommt.

Switch+ Pavillon

Der Informations-Pavillon switch+ wurde für die skulptur projekte 2007 in Münster vor dem Landesmuseum errichtet und diente als Anlaufstelle für Besucher der Ausstellung. Der zweistöckige Pavillon wurde mit einer neuartigen Kupfer-Aluminium-Legierung bekleidet und griff damit die Farbgebung des Schriftzuges der skulptur projekte auf.

Wir bewegen uns in einem anderen Spannungsfeld, da wir eine Geschichte erzählen, die ziemlich schnell zu verstehen sein muss. Wir sind mit unseren Bauwerken oft in Veranstaltungen eingebunden zu der Besucher kommen, deren Aufenthalt nur kurz ist und dadurch muss schnell und klar verständlich sein, was  hinter dem Projekt steckt. Dennoch versuchen wir stetig noch Ebenen einzuarbeiten, die ein wenig ungewöhnlich sind und den Besucher zum Denken anregen. Als Beispiel war bei dem Switch Pavillon die Installation von Otto Piene nicht mehr richtig im Fokus des Museums. Zu Beginn war es ausgeschaltet und wir hakten nach. Im ersten Moment dachte die Museumleitung, dass ein Defekt vorliege und nach einer Überprüfung stellte sich heraus, dass ein paar Lampen nicht funktionierten. Durch die neue Beziehung mit dem davorgestellten Pavillon gab man dem Objekt und dem Ort noch einmal eine komplett neue Wertschätzung. Und darum geht es uns auch, einem Ort eine neue Sichtweise und Wertschätzung zu geben.

Das LWL Museum wurde neu errichtet und Otto Pienes Silberne Frequenz wurde wieder angebracht. Wie siehst Du an der Stelle die Umsetzung ?

Die Silberne Frequenz ist eine Kunstinstallation, die für die Fassade des alten LWL-Landesmuseum von dem Künster Otto Piene (*1928; † 2014 ) erstellt wurde.

Marc Günnewig: Wir haben über die Jahre schon viel für das Museum gemacht und wir wissen, dass schon lange eine Diskussion existiert, wie man mit dem Werk umzugehen hat. Die Leitung des Museums hat sich in Absprache mit Otto Piene für die Wiederanbringung entschlossen. Es war auch mal angedacht in einem Symposium diese Thematik zu behandeln aber Piene ist gerade verstorben. Deswegen ist es fraglich, ob etwas dergleichen noch stattfinden wird. Gerade ein Museum hat die Verpflichtung Kunst zu bewahren und zu schützen, auch gegen solche Ideen, die die Kunst zu Marketingzwecken vereinnahmen. Aber klar ist auch, dass die Skulpturprojekte nicht vom Stadtmarketing zu trennen sind, da es ein großes und wichtiges Event für die Stadt ist.

Welches sind die Kriterien nach denen Ihr eure Projekte auswählt?

Marc Günnewig: Der Begriff des Netzwerks ist mittlerweile schon etwas strapaziert, aber da wir schon etwas länger dabei sind, hat man schon mit vielen Menschen zusammengearbeitet. So kommt man immer wieder ins Gespräch und aus solchen Beziehungen ergeben sich viele unserer Projekte. Aktive Akquise wird von uns eigentlich nicht betrieben und gestaltet sich schwierig, wenn man sich nicht klar zuordnen lassen kann. Ein Projekt welches  zu einer Mehrfachbeauftragung führte, da dem Auftraggeber unser Profil zugesagt hat, ist das temporäre Mobilitätszentrum Demonstrator Port 1 in Wolfsburg. Wir konnten unsere Vorstellungen gut einbringen und planen dort ein Gebäude, welches eher in die Richtung des klassischen Architekturbildes geht. Das Projekt entsteht für die Stadt in Zusammenarbeit mit der Wolfsburg AG, in der unter anderem auch VW mit eingeschlossen ist. Das Demonstrationszentrum dient dazu E-Mobilität zu kommunizieren und weiter voran zu bringen. Langfristig soll an dem Ort ein dauerhaftes Gebäude entstehen, und vorab für den Zeitraum von maximal fünf Jahren unser Projekt als Showroom dienen. Es umfasst unter anderem Co-Working Spaces und bietet allen Verkehrsteilnehmern die Möglichkeit sich mit der Thematik der E-Mobilität auseinander zu setzen.

Abschließend kann man sagen, dass wir versuchen die Chance auf Zufälle erhöhen, indem wir über verschiedene Kanäle im Gespräch bleiben. Manchmal ist es ein Projektpartner, der über die sozialen Netzwerke eine gemeinsame Arbeit wieder entdeckt und auf einen zurückkommt da zu einem anstehenden Projekt ein Architekt benötigt wird.

Wohin soll es mit Euren Projekten gehen, woran würdet Ihr gerne arbeiten?

Marc Günnewig: Wir haben unsere Erfahrungen bei unterschiedlichen Projekten gemacht. So haben wir auch für private Bauherren gearbeitet und ich will das nicht ausschließen, dass wir auch wieder dorthin zurückkehren aber da liegt nicht unser Schwerpunkt. Ein privater Bauherr will in der Regel von sich aus erst einmal nur ein kostengünstiges und termingerecht geplantes Haus. An der Stelle merkten wir, dass Privatpersonen häufig eine ganze Palette von Sorgen und Nöten im Gepäck haben. Da Architektur nicht in der Schule unterrichtet wird, wie zum Beispiel Kunst fehlt es manchmal an einer gemeinsamen Gesprächsbasis, weil es keine Erfahrungen zu dem Thema gibt. Es ist schon ein Unterschied, wenn der Projektpartner ein Museum ist, oder ein Schauspielhaus wie zum Beispiel bei der one man sauna in Bochum. Hier wird eher über ein Konzept gesprochen und über verschiedene Perspektiven der Aussage. In den Gesprächen entstehen positive Reibungen, durch welche ein Projekt wächst und weiter gebracht werden kann.

One Man Sauna

Das Projekt One Man Sauna resultiert aus dem Recherche-Labor Borderlands, dass sich mit den Grenz- und Übergangsräumen der Stadt Bochum als einem Teil des urbanen Systems Ruhrgebiet auseinandersetzt. Das Projekt entstand zusammen mit Sebastian Gatz und der UKR Urbane Künste Ruhr. Fotografie: Roman Mensing

Neben Eurer Tätigkeit als Architekten seid Ihr zudem in der Lehre engagiert. Wie hat sich für Euch dieser Weg entwickelt?

Marc Günnewig: Eine Qualität der msa (muenster school of architecture) ist, dass Studierende die Möglichkeit haben als Tutor eingebunden zu sein. Hier fanden auch wir den ersten inhaltlichen Kontakt zur Lehre und wurden für die Betreuung der Grundlagenkurse eingesetzt. Wir reden noch häufig über die Struktur in Münster, wo ich noch vor zwei Semestern einen Lehrauftrag hatte. Es ist zudem sehr persönlich. Die Hierarchie ist entsprechend flach, so dass man sich auf die Inhalte konzentrieren kann.

Für uns ist auch allgemein an der Lehre interessant, an Aufgabenstellungen konzeptionell anders  heranzugehen, was manchmal im Büro ein wenig untergeht. Der finanzielle Aspekt kann nicht der Beweggrund sein in die Lehre zu gehen, da der Aufwand der dahintersteht nicht in Relation zu der Bezahlung liegt. Wir machen es, weil es uns Freude bringt, denn wir müssen uns immer wieder in verschiedene Themen hineinarbeiten und eine Meinung bilden. So etwas trainiert einen auch bei Diskussionen mit Studierenden, konstruktive und sachliche Beiträge geben zu können. Man muss sich mit jeder Herangehensweise auseinander setzen. Dabei gibt man am ehesten eine Hilfestellung, um das eigene Denken des Studierenden zu schärfen, ohne vorzugeben, wie das Resultat auszusehen hat.

Auf der anderen Seite, wenn man über Konzepte redet, stellt man sich auch als Büro dar und möchte auch mit den eigenen Projekten das einlösen, was man den Studierenden lehrt.

Danke für dieses Gespräch!

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